Interview 

Andrea von Goetz und Schwanenfliess: Scharfes Auge für junge Kunst

Andrea von Goetz und Schwanenfliess hat als Kuratorin, Sammlerin und Networkerin einen fantastischen Riecher für die neuen Shootingstars der jungen Kunst.

ANDREA, WER SIND DIE SHOOTINGSTARS DER JUNGEN KUNSTSZENE?

Andrea von Goetz und Schwanenfliess hat sich mit Ihrem Ehemann Markus innerhalb der letzten sieben Jahre eine kleine feine Sammlung zeitgenössischer Positionen aufgebaut, aber das reicht ihr nicht.  Als Kuratorin, und Networkerin par excellence baut sie Brücken zwischen Künstlern, Sammlern und Unternehmen. Die erfolgreiche Kunstexpertin hat sich dabei einen Namen für ein besonders scharfes Auge für talentierte junge Kunst gemacht. Ihr Netzwerk an Sammlern und Galeristen ist berüchtigt und folgt gerne ihren Einladungen zum feinen Kunstsalon SELECTED in Hamburg oder in die Bad Gasteiner Berge zur jährlich Abschlussausstellung der von ihr gegründeten Kunstresidenz, einem Stipendiatenprogramm für junge internationale Talente.

Wir treffen die vielbeschäftige Andrea von Goetz und Schwanenfliess in einer Tiefgarage in Berlin-Moabit. Es ist das Atelier von Philipp Fürhofer, einem Künstler den sie seit Jahren fördert und sammelt und den wir zu seinem monumentalen Bühnenbild für eine Oper Verdis neulich in London getroffen haben (Interview mit Philipp Fürhofer in der Royal Opera).

Andrea, gleich ans Eingemachte: Welche heißen, jungen Künstler befinden sich gerade auf deiner Watch List?

Ach das ist ja immer schwierig, weil ich nicht möchte, dass jemand, den ich jetzt vergesse, sich vergessen fühlt. Aber gut, das kann man nicht ändern.
Wer mir mit Blick auf die letzten Jahre einfällt, ist ein Belgier, Rinus van der Velde. Er zeichnet mit sibirischer Kohle auf überdimensional große Leinwände, die er vorher mit weißer Kreide bearbeitet und dadurch ihre Haptik verändert. Ins Auge gesprungen ist er mir vor ca. drei Jahren auf einer Kunstmesse, da war er 26. Heute hat er bereits eine große Sammlerschaft. Rinus arbeitet extrem viel, erfindet Geschichten und Alter Egos. Zeichnen tut er am liebsten auf wahnsinnigen 4 x 8 Metern, weil er da einfach mehr erzählen kann. Also oft Museumsarbeiten. Das sind Werke die wirklich beeindrucken. Er schafft es eine einzigartige Intimität aufzubauen und setzt sich selbst auch oft in die Werke mit ein. Wenn ich neue Arbeiten von ihm sehe, finde ich sie meistens großartig und entdecke meine Sammelleidenschaft aufs Neue. 

 Rinus van der FeldeRinus van der Velde: 360 cm x 250 cm, charcoal on canvas, 2012, courtesy Galerie ZinkRinus van der FeldeRinus van der Velde: 220 cm x 410 cm, charcoal on canvas, 2013, courtesy Tim Van Laere Gallery

Was ist dir als Kuratorin wichtig, wenn du dir junge Künstler anschaust?

Davon abgesehen, dass mir auch ganz verrückte Sachen gefallen, finde ich es wichtig und schön, dass ein Künstler sein Handwerkszeug kann. Gerade beider Auswahl der Stipendiaten für die Kunstresidenz in Bad Gastein, müssen wir uns ständig die Frage stellen, was ist schön gemalt und was ist Kunst? Darüber machen sich Kunsthistoriker seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Gedanken. Ich persönlich finde man merkt an dem konzeptuellen Ansatz der Arbeit, ob der Künstler sich auch intellektuell mit der Idee seines Werkes auseinandergesetzt hat und durch die Hochs und Tiefs einer Hochschule gegangen ist, d.h. nicht nur handwerkliche, sondern auch Kopfarbeit leistet.

courtesy: Werner Gritzbach

Wie läuft die Kunstresidenz in Bad Gastein? Man fühlt sich ja dort so, als würde man in einen kleinen in sich geschlossenen Alpenkosmos gebeamt werden…

Genau, da kann man als Künstler spazieren gehen, Yoga machen und frei arbeiten. Ich hab in den letzten vier Jahren beobachtet, dass es den Stipendiaten dort unglaublich gut tut, fernab des Großstadtdschungels in einer analogen Welt sich auf ihr Schaffen zu konzentrieren. Ohne Druck und, was ganz toll ist, dass dort ganz nebenbei Verbindungen geknüpft werden. Mittlerweile hat die Kunstresidenz einen guten Ruf, der viele Sammler und Galeristen anzieht. 

Um ein konkretes Beispiel aus der Kunstresidenz von diesem Jahr aufzugreifen – Aslan Gaysumov, ein toller 22-jähriger tschetschenischer Künstler, der gerade als Shootingstar der Russischen Kunstszene gehandelt wird, wurde in Bad Gastein von einem Galeristen der Galerie Zink entdeckt. Aslan hatte zwar in Moskau schon einmal ausgestellt, hatte aber sonst mit dem Kunstmarkt noch gar nichts zu tun. Er ist mir zuerst auf der Young Contemporary Art Biennale aufgefallen und wurde mir dann von einer Kuratorin aus Moskau empfohlen. Das Ergebnis: Im Januar 2014 wir er seine erste große Einzelausstellung in der Galerie Zink eröffnen….das ist schon echt cool.

Du förderst  aber nicht nur in Bad Gastein junge Künstler, sondern machst in Hamburg zweimal im Jahr die „SELECTED“ – wie funktioniert das?

Mit der Ausstellungsreihe SELECTED bieten wir 2 mal jährlich jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, ihre Arbeiten auf professionelle Weise, einem kunstbegeisterten Publikum zu präsentieren. An ungewöhnlichen und wechselnden Orten, mit einer großen Fangemeinschaft werden spannende Positionen der Gegenwartskunst gezeigt und natürlich verkauft. Oft ermöglichen diese Ausstellung den Künstlern einen finanziellen Spielraum, der Ihnen die Möglichkeit schafft sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Die Veranstaltung hat mit dem „Event Kunstmarkt“ nichts zu tun. Ich lade ganz gezielt ein, d.h.es kommen keine 500 Leute von denen 400 trinken, und 100 gucken, sondern maximal 120, die aber ein großes Interesse an zeitgenössischer Kunst haben und sich intensiv mit der gezeigten Position auseinandersetzen möchten.

Aslan Gaysumov

ICH BEWUNDERE GALERISTEN DIE JUNGE KÜNSTLER FÖRDERN

Du bindest die Künstler mit denen du arbeitest, sehr eng mit ein und bist mit vielen von ihnen eng befreundet zu ihnen. Ist dir die persönliche wichtiger als eine rein berufliche Beziehung?

Ich glaube, es ist einfach anders. Ich bin ja keine Galeristin, ich will gar keine Verträge mit den Künstlern. Für meinen Mann als harter Geschäftsmann ist das eher unverständlich, aber ich vertraue auf die zwischenmenschliche Ebene. Wenn einer meiner Künstler ganz groß wird und trotzdem mit mir in Hamburg eine kleine Ausstellung macht, freue ich mich dann!

Außerdem finde ich, dass nicht für jeden Künstler ein frühes Zusammenarbeiten mit einer Galerie der richtige und einzige Weg ist. Er kann für seine Entwicklung und beim Herantasten an das eigene Werk hinderlich und einschränkend sein.

Aber ich bewundere Galeristen, die junge Künstler fördern. Die gehen ja oft wahnsinnig in Vorleistung. Dieses Zusammenspiel zwischen Künstler und Galerist, das ist eine schwierige Geschichte. Und am Ende geht’s dann doch wieder um das Geld – von beiden Seiten aus betrachtet.

courtesy: Werner Gritzbach

Was glaubst du, macht dich so erfolgreich in der Vermittlung von Künstlern und Kunst? Zum Beispiel bei deiner Charity Aktion neulich für Dunkelziffer e.v.?

Ich stelle mich nur hinter Sachen die ich 1000%ig unterschreiben kann. Wenn ich gefragt werde „Andrea, würdest du das auch von Herzen kaufen?“ dann muss ich immer ja sagen können. Das sieht man mir sofort an, wenn dem nicht so ist. Außerdem habe ich einfach ein sehr großes Netzwerk an Sammlern und Kunstinteressierten.

ANDREA`S MUST SEE LIST DER KUNSTMESSEN 

Du bist viel unterwegs, welche Kunstmessen würdest du jemanden empfehlen, der nicht explizit aus dem Kunstbereich kommt, sich aber für Kunst interessiert und überlegt mit dem Sammeln anzufangen?

Ich mag die Artcologne gern. Seit dem es das artforum berlin nicht mehr gibt, befindet sie sich wieder im Aufwind. Das Rheinland ist ja eigentlich das Geburtsland der deutschen Kunst mit Beuys und der Akademie in Düsseldorf, dem Museum Ludwig, dem „alten Schmela-Haus“ und den vielen Galerien dort, die (nicht nur) dem Berlin Hype gefolgt sind – das sind für mich Vorreiter. Die Artcologne, das ist eine richtig geile, internationale, dicke Messe. Außerdem sind die Rheinländer total lustig, also macht es auch einfach Spaß in einer Kölschkneipe abends zu sitzen und alle rauchen da drin, es gibt keine Verbote, da ist ein Spirit mittlerweile wieder der ist ganz toll.
Außerdem ist die Art Brussel eine meiner Lieblingsmessen, weil die Belgier unaufgeregt eine Kunst zeigen, die mir sehr, sehr gut gefällt.  Da Brüssel nur ca. 2,5 Stunden von Köln entfernt ist und kurz darauf stattfindet, kann man beide einfach kombinieren.
Turin soll vor allem eine aus Museums- und Kuratorensicht sehr interessante Messe sein. Ich war selber leider noch nicht da.
Die großen Messen wie die Frieze sind ja eher Verkaufsstände, aber um einen aktuellen Gesamteindruck vom Kunstmarkt zu bekommen sind sie elementar.

Was passiert gerade sonst noch in deinem Leben?

Letzte Woche (21.11.2013) wurde der Hixcos Kunstpreis 2013 im Kunsthaus Hamburg verliehen- und ich war mit in der Jury. Der Preis ist mit 7.500 Euro dotiert. Es waren spannende Arbeiten von Studenten der HFBK zu sehen, gewonnen hat Anna Grath.
Und dann bin ich in vollen Zügen dabei die Kunstresidenz 2014 zu planen. Anfang Dezember ist die Jurysitzung. Rik Reinking, Valerie Schulte-Fischedick, Bettina Steinbrügge, Heiko Klaas und Nicole Büsing sind 2014 mit an Bord.

Vielen Dank Andrea!



Interview: Esther Harrison