Christiane zu Salm

Kunstsammler Interview 

Christiane zu Salm

Christiane zu Salm, die Gründerin der „About Change Collection“ in Berlin liebt es sich zu verändern und Haken zu schlagen. In ihrer Sammlung im Chipperfield Bau erzählt sie uns warum.

Christiane zu Salm

Christiane Salm heißt seit Juli 2010 die Geschäftsfrau mit der tadellosen Vorzeigeerscheinung, die keinerlei Schwindelgefühl beim Weg vom Musikfernsehen MTV über den Verkaufsshow-Sender 9Live bis zur Kunst befällt. Geboren als Verlegerstochter Christiane Hansen, machte sie als Christiane zu Salm Medienkarriere, um sich nach der Wiedervermählung mit Ex-Mann Georg Kofler noch einmal neu zu erfinden.

Als Kunstsammlerin ist sie fasziniert von schnellem Wandel, unvorhergesehenen Kombinationen und Dramatik. Wie bringt man Internet und Kunst mit Mehrwert zusammen, ist die drängende Frage für die Kunstliebhaberin, die auch immer Medienstrategin bleibt. Wir trafen sie in ihrer Berliner About Chance Collection in dem mediterranen Neubau von David Chipperfield mit Blick auf Chipperfields Umgestaltung des „Neuen Museums“, zwei Etagen über der Schrittmacher-Galerie „Contemporary Fine Arts“.

Christiane zu Salm

Christiane zu Salm: Wie wird man Sammlerin?

Christiane, wie bist du zum Kunstsammeln gekommen? Ich bin nicht eines Morgens aufgestanden und habe mir gesagt, so, jetzt sammle ich Kunst. Es war auch nicht familiär bedingt. Ich bin Schritt für Schritt dahin gekommen. In Köln bin ich Mitte der 90er-Jahre in ein Haus gezogen, in dem im Erdgeschoss und in den Stockwerken darüber Galerien saßen und Künstler wohnten. Ich habe angefangen, mich mit Kunst zu beschäftigen, auf die Art Cologne zu gehen an einem verregneten Sonntagnachmittag. Es ist die schönste geistige Ablenkung von einem Beruf – wenn der nicht gerade Kunst ist – die man sich überhaupt vorstellen kann.

Christiane zu Salm

Was war das erste Kunstwerk, das du dir gekauft hast? Meine erste Arbeit war von Richard Prince. Ich wusste nicht, wen ich da kaufe. Mir hat die Arbeit nur sehr gut gefallen. Ein Kriterium damals wie heute lautet:

Wenn ich am nächsten Morgen aufwache und noch an die Arbeit denke, dann ist das ein Zeichen für mich, dass ich sie haben muss.

Natürlich kommen noch ein paar andere Kriterien hinzu, aber das ist schon mal sehr wichtig. Christiane zu Salm

Erinnerst du dich an Kunstwerke aus deiner Jugendzeit? Nein, überhaupt nicht. Da hingen Poster von „Police“ in meinem Zimmer. Musik war das Ding.

Bei MTV kam dann beides zusammen, das Musikalische und das Visuelle. Richtig, da kam Musik mit Bewegtbild zusammen. Als Geschäftsführerin bei MTV habe ich mich erstmals mit Videokunst beschäftigt, Ende der 90er-Jahre. Udo Kittelmann machte eine Ausstellung im Deutschen Museum in München über Videokunst – und hat Viva gefragt, ob sie mitmachen. Das hat mich so geärgert! Über Videokunst bin ich auf Pipilotti Rist gestoßen, die ich für MTV kontaktiert habe. MTV war natürlich eine hervorragende Plattform, um sich über die ganze Popkultur der zeitgenössischen Kunst zu nähern. Pipilotti Rist hat einiges für und mit MTV gemacht, das wurde aber nie groß kommuniziert.

Als nächstes habe ich privat Fotografien von Popstars gesammelt. Von Richard Avedon habe ich einige Arbeiten: Bob Dylan, Janis Joplin. Und von Anton Corbijn z.B. Michael Stipe, Thom Yorke, Björk. Das hat zu meiner damaligen Zeit als MTV-Chefin wunderbar gepasst.

Christiane zu Salm

Christiane zu Salm: Von MTV zur About Change Collection

Du hast Beruf und Kunst sehr geschickt verbunden. Gab es den Punkt, an dem die Kunstbeschäftigung nichts mehr mit dem Job zu tun hatte? Absolut. Plötzlich kam ein Punkt vor sechs Jahren, an dem ich deutlich mehr Arbeiten hatte, als ich aufhängen konnte. Da ich aber nicht eine beliebige Sammlung zeitgenössischer Kunst aufbauen wollte, habe ich mir folgende Frage gestellt:

Wenn morgen meine Wohnung abbrennen würde, welche Arbeit würde ich mir unter den Arm klemmen? Dabei kam raus: Kurt Schwitters. Ich war selber überrascht.

Auf diese Weise habe ich für mich entdeckt, dass die Collage ein Sammlungsschwerpunkt werden soll. Unser gesamter Lebensstil ist eine Collage. Es ist die Signatur unserer Zeit: Wir leben Collagen – mit unseren Reisen, mit unserer Kleidung, mit der Musik, dem Lifestyle. Und das digitale Zeitalter ermöglicht natürlich ganz neue Herangehensweisen. Wenn Kurt Schwitters vor 80 Jahren seinen Papierkorb ausgeleert und daraus eine Collage geklebt hat, was ist dann eine Collage im 21. Jahrhundert? Diese Fragestellung interessiert mich. Man sollte auch untersuchen, inwiefern der Begriff neu definiert werden könnte. Christiane zu Salm

CHRISTIANE ZU SALM ÜBER VERÄNDERUNG

Ist Veränderung an sich ein Wert für dich? Ja. Ich habe mir als Leitlinie gewählt: Wir leben in einer Zeit, in der Veränderungen so schnell wie noch nie passieren, so dramatisch und so radikal wie noch nie, in keiner Generation vor uns. Natürlich getrieben durch den technischen Fortschritt. Deswegen habe ich die Sammlung „About Change“ genannt.

Und die „Interzone“-Gespräche, für wen sind die gedacht? Interzone ist für alle, die sich für die gegenseitigen Einflussbereiche von Kunst und anderen Lebenswelten wie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft interessieren. In einer Interzone lädt sich jeweils ein Künstler aus meiner Sammlung eine Person aus einer ganz anderen Welt zum Gespräch ein. Dazu werden nur  20 bis 30 Gäste eingeladen. Damit entsteht eine Situation, in der sich der Künstler und sein Gesprächspartner  öffnen. Aber wir zeichnen das Gespräch auf Video auf, schneiden es und stellen die wesentlichen Auszüge auf die Webpage. Das soll im Idealfall Leute ansprechen, die nicht in der engen, sehr selbstreferenziellen Kunstwelt stecken.

Christiane zu Salm About Change Collection

ÜBER KUNST UND INTERNET

Siehst du in der Kunstwelt Vorbehalte gegen die Internetwelt? Das würde ich schon sagen. Die Galerien möchten, dass es ein klassisch physisches Erlebnis bleibt, Kunst zu kaufen, einen Galerieraum zu betreten.

Spielt der Wunsch nach einer hohen Hemmschwelle, um elitär zu bleiben, eine Rolle? Das glaube ich nicht. Das wäre unklug. Ich weiß, was ihr meint. Ich habe mich am Anfang auch nicht getraut, in eine Galerie einzutreten. Aber die Arroganz mancher Galeristen kommt nicht von der Intention, das Massenpublikum fernzuhalten, sondern daher, weil es ihnen sehr gut geht. Die brauchen das nicht. Ich kenne keine Galerie im Aufbau, die keine Open-Door-Politik hätte.

Christiane zu Salm

Siehst du Ansätze für Kunst im Internet?

Saatchi hat es vorgemacht. Der ist ein „Gamechanger“, auch was Kunst im Internet betrifft.

Man muss entscheiden, was will man im Internet: Will man Kunst den breiteren Massen näher bringen, Schwellen nivellieren? Das war mein Ansatz. Ich habe mich auch gefragt, wie man eine Sammlung im Netz präsentiert, nicht immer nur in Archiv-Form, das ist viel zu linear. Da ist aber noch viel zu tun. Wenn man aber Kunst über das Internet verkaufen will, dann hat man natürlich einen anderen Auftritt.

Welche Website zur Kunst kannst du empfehlen? vvork.com finde ich richtig gut. Das haben österreichische Künstler gegründet, die eigene und fremde Arbeiten zu bestimmten Themen kommentarlos zusammenstellen. Es ist zu einer Referenzseite für manch einen Künstler und Kurator geworden.

Vielen Dank Chistiane Salm!

Nachtrag: Kurz nach unserem Besuch gab Christiane Salm Ende Juli 2010 ihre About Chance Collection Räume auf. Wo sie demnächst ihre Sammlung präsentieren und ob sie weiterhin zu ihren interdisziplinären „Interzone“-Gesprächen laden wird, kommentiert Christiane Salm orakelhaft: „Nomen est omen! About change!“

Christiane zu Salm About Change Collection

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