PRIME TIME für Abstrakte Fotografie

 

PRIME TIME für Abstrakte Fotografie

„PRIME TIME – Archetypes of Abstraction in Photography“ in der Galerie DIEHL widmet sich allen Formen des fotografischen Mediums, bis in all seine Einzelteile von Zeit, Licht, Raum und Material. Eine faszinierende Reise zurück zum autonomen Bild das jenseits aller fotografischen Flächen existiert.

Die abstrakte Fotografie ist sicherlich nicht die einfachste Kost. Und dennoch, wer sich auf ihre Klarheit und Konsequenz einlässt und innerlich tatsächlich so lange still halten kann um diese auf sich wirken zu lassen, wird in sich eine gewisse Sehnsucht erkennen. Die nach der absoluten Natur von Struktur, Form und einer Wahrheit die in diesen Bildern gespeichert ist strebt. Wie eine Erinnerung die in unseren Genen gespeichert ist vom Ursprung und Anfang aller Dinge. So ist es uns jedenfalls gegangen, als wir haben uns mit dem Berliner Kunstkritiker, Kurator und Journalisten Ralf Hanselle in den weiten Kosmos der Abstrakten Fotografie begeben haben.

Alfons Eggert. Kombinatorische Fotografie 113. 1972. C-Print. 30,5 cm x 45,7 cm. Courtesy Stephen Sagurna

Bitte erkläre uns kurz die fotografischen Archetypen die du in der vierteiligen Ausstellungsreihe „Prime Time – Archetypes of Abstraction“ herausgearbeitet hast, bzw. wieviel Spielraum es hier tatsächlich gibt?
Die Ausstellungsreihe untersucht in gewisser Weise die Grundbausteine des fotografischen Bildes. In den letzten 176 Jahren seit Erfindung der Fotografie hat sich eine gewisse Vorstellung über das, was eine Fotografie ist, herauskristallisiert. Demnach steht sie in einem objektiven Verhältnis zur Wirklichkeit, belichtet einen winzigen Augenblick auf der Zeitachse und dokumentiert irgendwas mit Realität. Ich glaube, dass diese Vorstellungen zu kurz greifen. Eine Fotografie ist für mich zunächst nichts weiter als ein Bild.
Zeit, Realität, Abbild oder Dokument sind da nachgeordnete Begriffe, die die Fotografie immer schon in eine bestimmte, zum Teil ideologisierte Richtung gedrängt haben.

Die Künstler, die ich in PRIME TIME zeige, nehmen die Bildhaftigkeit der Fotografie ernst. Sie interessieren sich zunächst nicht für die Welt jenseits der Fotografie, sondern untersuchen Material, Licht, Farbe, Pixel. Manche wenden sich auch Vorstellungen von Zeitlichkeit oder Wirklichkeit
zu. Immer aber geht es ihnen dabei darum, die Grundannahmen über die Fotografie zu sezieren und zu schauen, was eigentlich darunter liegt.

Ralf Cohen. Schattenbild 2007. 60 x 60 cm. Unikat

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Inwieweit spielt die abstrakte oder auch surrealistische Fotografie heutzutage noch eine Rolle, bzw. kann sie überhaupt noch so bewegen, und gewohnte Strukturen und Sichtweisen aufbrechen wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts?
Abstraktion ist nicht notgedrungen surreal. Die Experimente, die etwa Man Ray in den 1920er Jahren unternommen habt, sind sicherlich auch für PRIME TIME ein wichtiges Fundament gewesen. Aber mir ging es nicht darum, Positionen zu zeigen, die mit dem Zufall spielen oder die eine Struktur des Unbewussten offenlegen.
Künstler wie Stefan Heyne, Inge Dick oder auch Thomas Ruff sind in ihren Ansätzen sehr konsequent und systematisch. Sie betreiben eine Art Grundlagenforschung am fotografischen Sehen.

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Vor allem in Hinblick auf die heutige Fotoflut, bzw. Selfie-Selbstdarstellungskultur, hat die Masse überhaupt noch die Geduld, den eigenen Anspruch und vor allem Aufmerksamkeitsspanne sich in diese ungewohnten Felder, inneren Wahrnehmungsräume zu begeben?
Ich denke gerade die Fotoflut sollte Anlass sein, sich noch einmal neu mit der Fotografie zu beschäftigen. Wir meinen heute sehr genau zu wissen, was eine Fotografie ist. Aber stimmt das überhaupt? Gerade die Abstraktion ist ein Ansatz, um noch einmal neu über die Grundbedingungen des medialen Sehens nachzudenken.

Was etwa ist Farbe? Wie wirkt sie in der Kombination mit anderen Farben?

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Neurobiologisch wissen wir heute, dass Farbe nicht auf der fotografischen Fläche, sondern im Gehirn des Betrachters entsteht. Was ist Realität? Die Quantenphysik hat da in den letzten Jahrzehnten Antworten gefunden, die jeden konventionellen Knipser das Fürchten lernen würde.

Und dennoch glauben wir noch immer, ein Foto zeigt die Welt, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich gewesen ist.

Die herkömmliche Snapshot-Philosophie ist eigentlich genau dies: Ein erkenntnistheoretischer Schnellschuss.

Im 3. Teil „The Pencil of Nothing“ und dem 4.“Dark Sides“ geht es im Kern um die Bausteine fotografischer Bilder. Ich habe den Eindruck das diese Schritte und auch diese ursprüngliche analoge Wahrheit von Fotografien wenn man so möchte, kaum mehr wahrgenommen wird vor allem was den Einsatz von Chemikalien angeht die Verfremdung des Fotopapieres usw. War das einer der Gründe diese Reihe damit zu beschließen?
Es gibt einen treffenden Gedanken von Byung Chul-Han: Die digitale Fotografie, so schreibt er an einer Stelle, kenne keine Negativität, keine Entwicklung, kein Werden.
Digitale Fotografie sei reines Positiv. Mit „Dark Sides“ wollte ich darauf verweisen, dass die analoge Fotografie noch einem Prozess unterworfen war.
Zwischen Urbild und Abbild stand in gewisser Weise noch ein Zwischenbild: Das Negativ.

Heinz Hajek-Halke, Windrosen, 1953, Gelatin Silver Print

Der fotografische Prozess war also bis vor kurzem noch etwas, das sich in Zeit und Raum – der Dunkelkammer – ereignet hat. Im Schritt vom Negativ zum Positiv gab es im wahrsten Sinne Entwicklung. Man kann darin auch eine wunderbare Metapher für das dialektische Prinzip erblicken. Wer sich heute also fragt, warum sich auch gesellschaftlich nichts mehr recht entwickeln will, der
sollte einmal über die Zeit-Räume nachdenken, in dem sich etwas entwickeln könnte. Die Dunkelkammer hat wunderbare Bilder hervorgebracht. Das will ich mit Künstlern wie Heinz Hajek-Halke, Ralf Cohen oder Edward Mapplethorpe zeigen. In gewisser Weise ist dieser Teil mein Appell für mehr Negativität.

Was hat dich letztendlich dazu bewegt diese Ausstellungsreihe zu konzipieren und zu kuratieren, gibt es einen bestimmten Fotografen, eine bestimmte Strömung in der Fotografie die für dich der Auslöser war?
Ich glaube, es war letztlich kein einzelner Künstler – auch wenn man auf dem Fotokunstmarkt derzeit einen kleinen Abstraktionsboom beobachten kann. Mit PRIME TIME wollte ich Zweifel sähen. Ich denke, wir leben derzeit in einer Epoche radikaler Umbrüche. Und ich denke, auf vieles haben wir keine Antworten, weil wir nicht radikal zu sehen und zu denken wagen. Wir denken heute vornehmlich in Bildern. Das Foto ist an die Stelle der Realität getreten. Aber auch das Foto von Alan Kurdi ist nur ein Realitätsbewältigungsversuch aus Farbe, Licht und Pixelreihungen. In einer Kamera ist im wahrsten Sinne eine Weltanschauung vorprogrammiert. Im Kern ist das noch immer die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Entweder also, wir stürzen die Fertigbilder ein oder wir beginnen
gegen das Programm der Kamera zu spielen.

PRIME TIME – Archetypes of Abstraction in Photography

24. Juni – 23. Juli 2016
1. The Decisive Aeon
Stefan Heyne, Inge Dick, Hiroshi Sugimoto
2. Object_If
Richard Caldicott, Luuk de Haan, Marleen Sleeuwits

29. Juli – 10. September 2016
3. The Pencil of Nothing
Hanno Otten, Marco Breuer, Pierre
Cordier + Gundi Falk, Alfons Eggert        
4. Dark Sides
Ralf Cohen, Thomas Ruff, Edward Mapplethorpe, Heinz Hajek-Halke, Chargesheimer

Galerie DIEHL | Niebuhrstraße 2 | 10629 Berlin | www.galerievolkerdiehl.com




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