Anna-Catharina Gebbers: Must See Ausstellungen der Woche

Kunst Guide 

Anna-Catharina Gebbers: Must See Ausstellungen der Woche

Die wunderbare Anna-Catharina Gebbers, die mit ihrer Bibliothekswohnung einen der ungewöhnlichsten Projekträume in Berlin betreibt, hat mit ARTberlin die interessantesten Ausstellungen der Woche, ihren Tip zu den spannendsten Newcomern, ein paar ihrer Lieblingsgalerien und das Restaurant ihrer Wahl geteilt. Viel Vergnügen beim Nachreisen.

Haus der Kulturen der WeltFoto: Animismus, Haus der Kulturen der Welt

WELCHE AUSSTELLUNG(EN) SCHAUST DU DIR DIESE WOCHE AN?

Immer wieder anschauen werde ich mir Animismus im Haus der Kulturen der Welt: Anselm Franke macht mit seinem Langzeitprojekt über das veränderliche (Macht-)Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Kultur und Natur, zwischen Mensch und Ding gerade Station im Haus der Kulturen der Welt und zeigt da eine gemeinsam mit Irene Albers entwickelte Ausstellung. Dort hinziehen werden mich ein irgendwie animalischer Magnetismus, das kluge Konzept, die empfindsam machenden Exponate und das amüsant an ein ethnologisches Museum erinnernde Display. Eigentlich will ich nur noch von derartig unwiderstehlichen Kombinationen aus Intelligenz, Fetischismus und Anregung verführt werden.

Ebenfalls noch einmal ansehen werde ich Christopher Roths Ausstellung Roth bei Esther Schipper, in der die eigene Verdinglichung und gleichzeitige Auflösung untersucht wird: Was passiert, wenn man konsequent nur noch die Außenwahrnehmung zu lässt? Und so beim Ego-Googlen feststellt, dass es eine enorme Anzahl von Klonen gibt, die den gleichen Namen tragen, wie man selbst? Wer oder welche Narration ist überhaupt mit dem Wikipedia-Eintrag gemeint, der deinen Namen trägt und sich aus Biografien verschiedener Personen zusammensetzt? Und gibt es die Person deines Namens, über die deine Eltern sprechen, wenn du sie 25 Jahre nach ihrer Scheidung erstmals wieder zusammenbringst, damit sie gemeinsam einen Film ansehen, dessen Titel dein Namen ist? Die Idee, dass eigentlich alles über Me, Myself & I da draußen zu finden ist mag spannender sein als die Ausstellung selbst – aber sie wirft Fragen auf.

ANIMISMUS
16.03.-06.05.2012 | Mi–Mo und feiertags 11-19 h
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

CHRISTOPHER ROTH
Roth
17.03.-13.04.2012 | Di–Sa  11-18 h
Galerie Esther Schipper
Schöneberger Ufer  65
10785 Berlin

WAS WILLST DU AUSSERDEM IN DIESER WOCHE NICHT VERPASSEN?

Nicht verpassen will und werde ich am 24.3. den „What happened 2018?“-Kongress in den Kunst-Werken und am 25.3. die dazu gehörige psychogeographische Tour. Im Prinzip geht‘s darum, dass Soziologen, Architekten, Schauspieler, Künstler, Autoren, Chemiker, Mystiker etc. die Gegenwart im Jahr 2081 schildern: Am 24.3. findet ab 10:30 in den KW eine Art low-tech TED-Konferenz statt, bei der die weiblichen Teilnehmerinnen wie Ayzit Bostan, Anne Tismer, Celine Condorelli, Veruschka oder Aino Laberenz jeweils 15 Minuten lange Beiträge gestalten (soziologische Vorträge, Performances etc.). Und am 25.3. wird ab 11 Uhr von den KW bis zum Olympiastadion ein psychogeographischer Spaziergang stattfinden, den die Architekten Arno Brandlhuber & Tobias Hönig, die Autoren Iain Sinclair & Chris Petit, sowie der Musikproduzent und Ex Heaven17/ABC/Human League/Scritti-Politti-Manager Bob Last leiten werden. Das erinnert mich an Godards Histoire(s) du cinéma und an die Dinge, von denen Henri Bergson sagte, dass sie zwar fast allen Zeitgenossen entgehen können, aber für die Zukünftigen retrospektiv zum Entscheidenden einer Epoche werden können.

Keine Ahnung, ob ich das noch schaffe, aber ich würd‘s gern: am Samstag zeigt die Schaubühne die Uraufführung von „Märtyrer“ des von mir geschätzten Dramatikers Marius von Mayenburgs.

Am Sonntag gibt‘s um 15 Uhr im No New York den Film „Prekär, frei und Spass dabei?“ von Christoph Bannat.

WHAT HAPPENED 2081?
Talk: 24.3., 10:30 am / Walk: 25.3., Start 11 am
A kick-off event into a future that is long past by Georg Diez and Christopher Roth
free admission: register@2081.li
limited space available! www.2081.li
KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69
10117 Berlin

»MÄRTYRER« von Marius von Mayenburg, Uraufführung
24.03.2012, 20.00 Uhr
Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin
www.schaubuehne.de

CHRISTOPH BANNAT
Neben seinen Arbeiten wird um 18 Uhr der Film „Prekär,frei und Spass dabei?“ gezeigt. Mit kurzer Lesung.
25.03.2012, 15:00 Uhr.
NO NEW YORK
Elbestraße 5
12045 Berlin

GEHEIMTIP – AUS WELCHEM NEWCOMER WIRD WAS IN NÄCHSTER ZEIT?

Tom Holert ist bereits einer der innovativsten und definitiv der sprachlich gewandteste Kulturwissenschaftler Deutschlands. Jetzt macht er mit der gleichen, ihm eigenen gelassenen Eleganz und Hingabe zum Gegenstand auch noch grandiose Kunstwerke (etwa The Labours of Shine in der Animismus-Ausstellung im HKW) – siehe oben: einer derart unwiderstehlichen Kombination aus Intelligenz, Fetischismus und Anregung gehört die Zukunft.

Mary Scherpe ist nicht nur Magistra der Kunstgeschichte und Magistra der Japanologie, sondern auch eine brillante Fotografin, der man zudem gerade dabei zusehen kann, wie sie ihren Blog „Stil in Berlin“ vom ersten Streetstyle-Blog Deutschlands in ein Kulturmagazin umwandelt und dabei zu einer unfassbar guten Chefredakteurin wird: Ihr werdet es erleben.

Alex Martinis Roe ist eine junge, promovierte Künstlerin aus Australien, die nach einer Art „Gegensprache“ jenseits des üblichen hegemonialen Systems der Sprache sucht und unter anderem die Wirkung raum-zeitlicher Orientierungen auf die Sprecher/Hörer, Autor/Leser, Kunstwerk/Rezipient untersucht. Dabei fördert sie in ihren Installationen und Lecture Performances spannende alternative Genealogien zu Tage – dass sich das nicht nur klug anhört, sondern auch noch ziemlich sinnlich ist und sie die Kunst in Zukunft wieder aufregender machen wird, zeigt Alex Martinis Roe anhand von Texten von und zu Hanna Arendt oder in Korea gefunden Dingen am 31.3. von 14–18 Uhr bei der nächsten Ein-Tages-Ausstellung in meiner Bibliothekswohnung.

WELCHE GALERIE INTERESSIERT DICH IM MOMENT BESONDERS? 

Galerien interessieren mich im Moment nicht besonders, aber ich gehe trotzdem beispielsweise zu diesen und werde dann doch immer wieder mal angenehm überrascht: Kwadrat, Arratia,Beer, Isabella Bortolozzi, Neu, Esther Schipper, Sprüth Magers, Wentrup…

DEIN LIEBLINGSRESTAURANT 

Zu Tim Raue pilgere ich gemeinsam mit meinem Liebsten schon seit vielen, vielen Jahren: Um so großartiger ist es, dass Tim und seine Frau Marie-Anne im September 2010 endlich ihr eigenes Restaurant eröffnet haben, und sie dort wirklich alles so machen können, wie sie wollen. Abgesehen vom absolut umwerfenden, die Wahrnehmungen konzentrierenden Erlebnis mit furioser Dramaturgie sind die beiden und ihr Team großartige Gastgeber. Ich muss zugeben, dass ich – obwohl Pesco-Vegetarierin – mich deshalb auch immer bei den Gastgebern Landwehr/Paul/Radczun wohl fühle… auch wenn es keiner mehr hören kann. Als Fan von asiatischer Küche liebe ich die Japaner Smart Deli, Ishin, S…. – nee, jetzt höre ich auf.

Anna-Catharina Gebbers

Foto: Maxime Ballesteros

Anna-Catharina Gebbers

Anna-Catharina Gebbers ist Publizistin, Ausstellungsmacherin und Gast-Dozentin für Kunst- und Kulturwissenschaften an der UDK Berlin, der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und am Forschungsinstitut für Musiktheater/Universität Bayreuth. Die viel zu vielen Bücher der studierten Germanistin, Philosophin und Soziologin haben komfortabler Weise ihre eigene Bibliothekswohnung. Dort finden seit 2004 umgebungs- und ortsspezifische transdisziplinäre Kollaborationen mit kulturellen Aktivisten und anderen Institutionen statt – öffentlich sind die Ausstellungen und Veranstaltungen allerdings immer nur an einem Tag höchstens für vier Stunden und damit wohl eher als Performances von Eröffnungen. Gebbers ist außerdem Redakteurin von polar – einem Magazin für Politik, Theorie, Alltag. Und Vorstandsmitglied der Akademie c/o (gemeinsam mit Arno Brandlhuber, Silvan Linden und Christian Posthöfen),    Vorstandsmitglied des Instituts für Wissenschaft und Kultur (gegründet von Hartmut Böhme und Beate Slominski), Mitglied des Verwaltungsrats und der Ankaufskommission des neuen berliner kunstvereins sowie Mitglied der Grünen Akademie.

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