Camille de Toledo in der Leipziger Spinnerei

Ausstellungskritik 

Camille de Toledo in der Leipziger Spinnerei

Camille de Toledo aka CHTO zeigt seine Installation Europa/Eutopia in der Spinnerei Leipzig. Gelingt es ihm mit zeitgenössischer Kunst auf realpolitische Verwerfungen zu reagieren?

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Camille de Toledo zeigt sein Europa/Eutopia

Warum schreiben wir noch, warum machen machen wir noch Kunst?

eine Frage, die der Künstler Camille de Toledo (CHTO) am Eingang der Ausstellung stellt. Irgendwie oft gehört, Selbstzweifel die im Kontext zeitgenössischer Kunst, die zum Repertoire gehören. Die sich aus dem Nexus der Klassik rüber gerettet hat, aus Vorstellungen Kunst als unmittelbarer Mittler des Wahren, Guten und Schönen. Camille stellt sie nicht nur aus einem künstlerischen Kontext, sondern auch aus einem humanitären.

Der Franzose, der in Berlin lebt, und in Leipzig in der Spinnerei ausstellt, hat sich mit seinem Projekt Europa/Eutopia auch an der Flüchtlingssituation abgearbeitet. Dabei herausgekommen ist ein totes Birkenwäldchen, einzelne Stämme, viel Laub und verschwommene schwarz-weiß Fotos, wie sie auf Zugfahrten entstehen könnten. Poetisch, unterbrochen von zwei grell weiß leuchtenden Neonschriftzügen „Espoire“ und „Utopia“. „Hoffnung“ und „Wunschtraum“? „Hoffnung“ als (ewiger) „Wunschtraum“?

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Camille de Toledo ist kein Star.

Präsentiert auf 1000 m², an dem Ort, an dem die Leipziger neue Schule einen ihrer Ursprünge hat. Neo Rauch schießt einem durch den Kopf, mit seinen Erzählbildern. Camille ist kein Star. Er ist nahbar, engagiert, ein kleiner virieler Franzose der sowohl Englisch als auch Deutsch gut beherrscht. Ein Europäer. Das Wissen um die heimische Zunge war durch aus ein Pluspunkt für die aktuell gezeigte Installation. Eine Collage aus politischen Irritationen: von PeGiDa, bis Attac, zu TTIP – Camill hat Gemurmel, Kampfgeschrei, verwoben zu einer Soundfile. In ganz wenigen Sekunden sind einzelne Stimmen zur identifizieren: „Ich bin Journalist“ schreit da jemand, „Wir sind das Volk“ schreien viele. Die Lieblichkeit des ersten Augenblicks verschwindet. Der Raum, unterteilt von weißen Trennwänden, versteckt die Aktualität im Wort und in der Darstellung. Er ist hinten links, beim Lagerfeuer, längster erkaltet, die Menschen, die es sich daran gewärmt haben sind weitergezogen, wird optisch die Faust auf´s Auge geknäult. Gegenüber, hinter einer weiteren Trennwand, Schlafsäcke, auf denen schon einzelne Blätter liegen. Zusammengerollte Isomatten, ständiger Begleiter flüchtender Menschen, hinter ein paar  Birkenstämmen drapiert. Fast zu schön um wahr zu sein. Fünf schwarze Spiegel mit Rissen mit dem Titel „TTIP“ – für Camille die Auseinandersetzung mit „Europas Fokus nur auf den Märkten, die an den Bügerrechten vorbei agieren. Hier liegt genau die Krux in dem offensichtlichen Bemühen des Künstlers, einer katastrophalen Lage in Europa eine ästhetische Übersetzung zu bieten: Es ist ästhetisch. Der Matsch, der Stacheldraht, verdreckte Kinder, verzweifelte Gesichter, sie bleiben aussen vor. Die Auswirkungen von Freihandelsabkommen, unbewohnbare Landstriche in Afrika (Exportschlager der EU mit Freihandelspartnerländern in Afrika: Hühnerabfälle), die Vernichtung von Existenzen – ob da ein zersprungener Spiegel reicht?

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Man muss Camille zugute halten, dass er sich über einen langen Zeitraum mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Im Gespräch verweist er auf die absurde Situation, die sich durch die Europäische Union entwickelt hat. Saaten, die über Jahrzehnte von einer Diktatur in die nächste gestolpert sind. Die Bürger – ganz besonders die der ehemalige DDR – wurden alleine gelassen. Ihnen ist die Vision von Freiheit, mit all ihren Werten, lediglich über die Einführung der D-Mark respektive des Euro vermittelt worden. Die Intelligenz ist mit dem Kapitalismus und seinen Freiheiten klar gekommen. Das Prekariat sieht man genau hier in der Region auf der Straße, wenn die zwanzig-, dreißigtausend „Wir sind das Volk“ brüllen und nicht realisiert haben, dass sie eine Minderheit sind. Verstört, angstvoll und hasserfüllt. Camille macht sich Gedanken über den Ursprung, über die aufkeimende Gewalt, die lange von einem scheinbar funktionierenden System aus schönen Dingen verdeckt wurde: Allen geht es gut, alle haben Flat Screens. Die Verunsicherung, so meint der Künstler, bricht jetzt, im angesichts wachsender Flüchtlingszahlen, auf. Einen Ausdruck dafür hat er, wie schon gesagt, in den Sprachkollagen gefunden. In der heilen Welt der Spinnerei, wo sich Architekturbüros, neben Malerbedarf, neben Bogenschieß-Kursen niedergelassen haben, ist das wunderbare Leipzig zu Hause. Völlig berechtigt. Das nur Kilometer Luftlinie entfernt, eine Bürgerbewegung auf der Straße steht, die die hässliche Fratze der Verachtung auch noch mit Stolz trägt, bleibt in der Installation Unsichtbar. Der Mensch findet nicht statt.

Der Raum den du betrittst ist keine Metapher. Es ist keine Präsentation. Für mich ist es die Realität, wie sie jetzt ist. Jedes Element in diesem Raum ist gleichzeitig Material und Idee.

schreibt der Künstler.

Die Blätter, über die man läuft, sind „die gefallenen Hoffnungen“ der letzten Jahrzehnte. Die Inspiration stammt von Walter Benjamins Arbeit „Left Melancholy“, der in den Dreißigern das Verschwinden progressiver ideale beobachtete.

Jetzt, als Bürger des 21. Jahrhunderts, nach 1989, tragen wir die Geschichte der Niederlagen mit uns, im dauernden Versuch darüber hinwegzukommen. Während du durch diesem verlassenen Wald wanderst wanderst du durch die Erinnerungen von Zerstörung, Krieg, Exil, und Migration.

so Camille.

Es ist ein Kunststück heute mit zeitgenössischer Kunst auf realpolitische Verwerfungen zu reagieren. Camille schafft es mit Sicherheit Betrachter abzuholen, die sich davon sanft streicheln lassen wollen. Ein wirkliche Berührung bleibt aus. Christo, ein anderer ganz Großer der Oberfläche hat gesagt: Kunst ist das, was wir machen.“ – um die Eingangsfrage zu beantworten.

Ausstellung Europa / Eutopia: Laufzeit & Adresse

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Dezember 2015 zu sehen.
Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag, 14:00-19:00 Uhr // sowie nach Vereinbarung
Spinnerei Leipzig, Halle 14/C, 2.OG // Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig

Text: Andreas Tölke // Fotos © Mittel-Europa