Junge heiße Kunst in den Bergen

Kunstreise  

Junge heiße Kunst in den Bergen

5 Jahre ist die Kunstresidenz in den Bad Gasteiner Bergen geworden. Sie hat den Ort verändert. Was hier passiert ist und drei junge Künstler für die Watch List.

Das Abschlusswochenende: Vier Tage lang sind alle backstage

Zum sommer.frische.kunst Festival in Bad Gastein treffen jedes Jahr für drei Wochen stoisch handfeste, österreichische Bergmentalitäten auf Touristen in Birkenstocks, vermummte arabische Familien und zeitgenössisch-flirrende Künstler aus aller Herren Länder. 

Vor sechs Jahren wurde das Kunst-Festival vom Bad Gasteiner Tourismusverband ins Leben gerufen. Kunst und Kultur sollten damit in den, im Sommer eher verhalten besuchten, vor Belle Epoque Gebäude strotzenden Ort gepumpt werden. An die alten und glorreichen Tage möchte man anknüpfen, die das vielbeschworene ehemalige Monte Carlo der Alpen ohne Zweifel vorzuweisen hat. Bad Gastein quillt geradezu über vor Geschichte und Geschichten, alte Grandezza strömt aus allen Ecken.

Der lange Atem von Kuratorin Andrea von Goetz und Schwanenfliess und Team hat sich ausgezahlt. Die Kunstresidenz in Bad Gastein ist zu einem weltweit einzigartigen internationalen Stipendiaten-Programm geworden. Im 100 Jahre alten Wasserkraftwerk arbeiten jedes Jahr für drei Wochen ausgewählte junge Künstler auf das finale große Ausstellungswochenende hin, zu dem internationale Sammler und Kunstinteressierte geladen sind. 
Der Austausch zwischen Künstlern und Besuchern ist intensiv und direkt. Etwas, das wir im urbanen Kunstumfeld nur selten beobachten. Die Peripherie bekommt Gewicht. Die Auseinandersetzung mit den gezeigten Arbeiten wird subtil forciert. 

Stipendiaten 2015 und Andrea von Götz und Schwanenfliess, Foto: Doris Höhenwarter

Stipendiaten 2015 und Andrea von Götz und Schwanenfliess, Foto: Doris Höhenwarter

Wichtige Schauplätze sind neben dem Wasserkraftwerk die zwei unterstützenden Hotels Miramonte, in dem traditionell das große Sammlerdinner stattfindet, sowie das Hotel Regina. In beiden leben die Künstler während ihrer Zeit in Bad Gastein, beide fungieren als Treffpunkte für die abendlichen Get-Togethers. Ohne das Engagement der beiden Häuser wäre die spezielle Atmosphäre für Künstler und Besucher der Kunstresidenz nicht denkbar. Es ist familiär und gemütlich. Und mystisch. Die Kunst sickert wie das Rauschen des Wasserfalls nach und nach durch bis ich sie nicht mehr bewusst sondern eher instinktiv wahrnehme.

Der leicht klaustrophobisch anmutende Talkessel von Bad Gastein trägt seinen Teil dazu bei. 

Die Highlight-Ausstellungen

Den Beginn des diesjährigen Abschlusswochenende der Kunstresidenz markierten am Donnerstag zwei fantastische Ausstellungen. Als Warm Up vor dem Collectors Dinner, zeigten Johanna Finckh und Robert Henrich ihre Arbeiten in zwei nebeneinander liegenden ehemaligen Ladengeschäften.

Johanna Finckhs Bergbilder prägen sich ein.

Denn draußen regnet es. Der Nebel hängt tief.  Wasserfallrauschen, Nebeldunst, strömender Regen vermischt sich mit dem Anblick der umliegenden dunklen Wälder und Bergen und erzeugt einen Effekt, in dem alle Elemente ineinander laufen zu scheinen. Genau wie in Johanna Finckhs Arbeiten.

Johanna Finckh

Durch die Kombination aus Fotopolymeradierungen und China Collage entsteht eine besondere Tiefe die der Unendlichkeit und Größe der Berge gerecht wird. Die Bilder sind übersäht mit in Bleistift gekritzelten Bemerkungen. Diese stammen von „echten“ Bad Gasteinern. Knorrige, alte Männer die mit den Bergen so verwurzelt sind wie der Wald der auf ihnen wächst. Ein idealer Ausgangspunkt und Ort für Finckh, die sich in ihrem Werk mit dem Thema Identität auseinandersetzt. Die herrlichen, völlig frei assoziierten im Dialekt aufgeschriebenen Aussagen nehmen mich an die Hand und ich fühle mich diesem Ort, der neben all dem Tourismus ja auch eine bodenständige Tradition und Originalität hat, und seinen Menschen auf einmal sehr nah.

Robert Henrich arbeitet mit der Psychologie des Weglassens

Robert Henrich

Direkt daneben, im „Haus Mimi“, zeigt der Münchner Künstler Robert Henrich, eingeladen von dem Berliner Journalisten Andreas Toelke. Die auf Wirkung konzipierten Arbeiten betonen die Psychologie des Weglassens. Im Gespräch erzählt uns der extrem sympathische Henrich, dass er nach 30 Jahren Maler sein nicht sein eigener Knecht sein will. Seine Bilder wirken autark. Ihre Inhaltlichkeit verliert sich bewusst im Prozess der vielen Schichten, die Henrich aufträgt.

Henrich erzählt, dass ihn das „groteske“ Bad Gastein schon beim ersten Besuch gepackt hat. Auf die einzigartige Stimmung und Mischung der Besucher angesprochen, bemerkt er:

Zum Glück ist es nicht New York. Hier ist anders, und genau das ist toll.

Franziska Stünkel und Katrin Kampmann

Drei junge Kunstresidenz-Künstler, die uns aufgefallen sind

Nur wer Bad Gastein schon einmal erlebt hat, versteht welche Herausforderungen und zugleich Chancen dieser Ort für junge Künstler mit sich bringt. Ihre Kunst entsteht in einem 100 Jahre alten Wasserkraftwerk. Hier drin erhält, jeder der Künstler für die Dauer des Artist-in-Residence-Programs ein temporäres Atelier, das direkt neben dem donnernd herunter stürzenden Wasserfall liegt. Wir haben für Euch drei unserer persönlichen Highlight-Talente aus dem diesjährigen Programm herausgepickt.

Noa Yekutieli (Tel Aviv)

Noa Yekutieli

Die Ruhe in der Bergidylle hatte auf die Stipendiatin Noa Yekutieli aus Tel Aviv zunächst eine eher eine verstörende Wirkung. Sie fühlte sich wie gelähmt bevor ihr nach ein paar Tagen Abstand zum umkämpften Tel Aviv eine neue Sicht auf ihre Arbeiten möglich wurde. Sie erzählt, dass sie meist Gewalt und den Krieg im Fokus hat. Während ihres Aufenthalt in Bad Gastein, tauchten auf einmal neue Bilder und Erinnerungen aus ihrer Stadt in ihr auf. Alltagssituationen, die zuvor vom Dauerkonflikt überlagert wurden. Dazu addierten sich in Österreich entstandene Momentaufnahmen. Noa sieht sich selbst als eine Erinnerungs-Forscherin. Sie beschäftigt sich mit der Frage wie Erinnerungen die Wahrnehmung von Wirklichkeit beeinflussen? Aus einer Künstlerfamilie stammend, studierte sie zunächst aus reinem Trotz Mode, aber entwickelte nach und nach durch Skizzenzeichnungen eine Papier-Ausschneide-Technik, basierend auf schwarz-weiss Kontrasten, mit der sie heute arbeitet. Die Hängung ihrer Arbeiten, in dem ihr zugeteilten Ausstellungsraum um zwei Risse in der Wand ,die sie künstlich vergrößerte, verstärkten den Titel ihrer Ausstellung „Around the cracks“. Fantastisch!

Martin Ogolter (Österreich)

Martin Ogolter

Der gebürtige Österreicher und Visual Artist Martin Ogolter lebt seit über 10 Jahren an der Copacabana. Für die Kunstresidenz ist Ogolter in das sonst verschlossene architektonisch fragwürdige Beton-Kongresszentrum geklettert. Aus seinen dort heimlich aufgenommen Bildern hat er ein Fotobuch gemacht, das sich wie in eine Zeitreise in die Vergangenheit ansieht. Seinen Ausstellungsraum hat er hingegen mit seiner Serie „Trophy Art“ transformiert. Hier stellt er die uralte Jagdtradition in den Alpen, mit ihrer eigenen Symbolik und Hierarchie, seinen fotografischen Bildern in weißer Tinte auf antikem Leinen aus seinem Familienbesitz gegenüber. Obendrauf hat er die ältesten aller Trophäen, das Geweih gehängt. Er erzählt uns, dass er so er eine Parallele zu Bad Gastein zieht. Der Ort selbst ist ein Überbleibsel des Reichtums des 19. Jahrhunderts, wo das Geld der Adeligen und Industriellen eine eigene Freizeitökonomie erschuf, die von den Oberflächlichkeiten der Stadt-Bourgeoisie begleitet wurde. Straight to the point.

Daniel Lannes (Brazil)

Daniel Lannes - la.luz.del.fuego

Die Malerei von Lannes hat uns schon immer gefallen. In Bad Gastein beschäftigen mich vor allem seine zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedlichen, historischen Frauenportraits. Beide Ladies sind bekannt für ihre extreme Willensstärke und Exzentrik. Die eine ist Kaiserin Sisi, die in ihrer Zeit als die beste weibliche Reiterin der Welt galt und für ihre Gewaltmärsche und ihr Schönheitsregime berüchtigt war. Die andere die brasilianische Feministin, Tänzerin, Naturistin und Striptease Künstlerin Luz de Fuego, die bevorzugt nackt und mit zwei Schlangen auftrat. Wohl bemerkt im Brasilien der 50er Jahre. Lannes Portrait von Sisi zeigt sie im Reiterkostüm. Interessanterweise ist ihr Kopf halb abgeschnitten, die von ihr immer angestrebte Perfektion wird ihr hier verwehrt. Die Arbeit hinterlässt das Gefühl eines rasch aufgenommenen Fotos. Durch den knallig grünen Hintergrund entsteht ein Wahrholscher Moment.

Großflächig, faszinierend und verstörend zugleich hingegen sein Werk von Luz de Fuego, während sie sich im Spiegel betrachtet und von einer Dienerin kämmen lässt. Die zweite dunkel überlappende Bildhälfte verschluckt die Person der Dienerin, und lässt Dschungelassoziationen zu. Ein Gefühl der Unruhe bleibt zurück.

Tip: Seit diesem Jahr läuft es im Erdgeschoss des Wasserkraftwerks eine permanente Ausstellung mit den Arbeiten des Kunstsommers. Und vom 14.9. bis 18.9. gibt es einen Fotografieworkshop „Who the hell is Krampus?“ mit Horst Friedrichs.

Photo credit: Werner Gritzbach