Nadine Barth: Fotografie erschafft für mich eine kleine Ewigkeit.

Sammler in Berlin 

Nadine Barth: Fotografie erschafft für mich eine kleine Ewigkeit.

Nadine Barth vereint scheinbar mühelos, worüber andere noch diskutieren. Sie führt Mode und Kunst in Fotografie zusammen, gibt Bücher dazu heraus, engagiert die internationale Modefotografen-Elite für Blockbuster Ausstellungen in Museen, eröffnet Off-Szene Galerien und zieht nebenher eigene, pro bono Fotografie-Projekte hoch. Willkommen in einem Leben voller Hingabe.

Nadine Barth Berlin Loft

Nadine Barth: Zuhause in der Fotografie

Ein Jaguar aus grün schimmernder Bronze schleicht über das Fensterbrett unter dem sich Bildbände über Modefotografie und Zeitgenössische Kunst stapeln. Auf vielen der Kunstbildbände ist ihr Name als Herausgeberin eingestanzt. Über der schweren, metallbeschlagenen Eingangstür hat Nadine Barth ein Straßenschild befestigt. EIVISSA steht darauf. Wir seufzen gemeinsam. Sie fliegt beinahe jedes Jahr dort hin. Nadine Barth wohnt zusammen mit ihren besten Freunden unweit der Potsdamer Strasse in einem dieser klassischen Lofts, die ultra-großstädtisch und gleichzeitig gemütlich aussehen. Ich betrete die lang gestreckten Räume mit den hohen Fenstern, durch die goldgelbes Licht auf die großformatige Fotografiesammlung an der Wand gegenüber trifft. Ein letzte Zipfelchen der Sonnenstrahlen streift Amy Winehouse, ein Portrait von Marc Hom. Es hängt über einem kleinen, liebevoll angeordneten Gedenkschrein: Nadine Barth hat hier eine Amy Winehouse LP, die Ausgabe der GALA mit der Titelstory zu ihrem Tod und eine rote Friedhofskerze aufgebaut. Ich schaue mich um, und denke: Hier lebt ein Mensch, der angefangen hat sich einzurichten und zwar in sich selbst. Keine leichte Aufgabe, denn das Selbst von Nadine Barth scheint ein äußerst Vielschichtiges zu sein. 

Nadine Barth

Nadine Barth: Kuratorin, Journalistin, Galeristin, Philosophin und Fotografie Expertin

Es gibt keine Regeln im Leben von Nadine Bart außer vielleicht einer einzigen:

Ich wollte immer etwas Kreatives machen.

Und ich erlaube mir mal hinzufügen: „…und keine halben Sachen.“ Nadine Barth ist studierte Philosophin, Kuratorin, Herausgeberin, Kunstberaterin, Autorin und Galeristin und zwar alles auf einmal. Was das Rollengeflecht zusammen hält, ist ihre Liebe zur Fotografie und zum Schreiben. Mit dem Letzterem hat eigentlich alles begonnen. Nach ihrem Studium, arbeitet Nadine Barth ein paar Jahre als Journalistin, u.a. als stellvertretende Chefredakteurin der AMICA und zieht zwischendurch nach L.A., wo sie mit ABGEDREHT einen Roman über das Geschehen Hollywood schreibt, der autobiographische Züge trägt.

Ich habe einfach jeden Tag geschrieben und dann die Textfragmente zusammen gefügt. Irgendwie habe ich gewussr, dass es auf diese Weise funktionierten wird.

An-My Le: Offload, California (LCACs and Tank), 2006 An-My Le: Offload, California (LCACs and Tank), 2006

Und manchmal wechselt sie die Stadt für die Liebe. Auf diese Weise pendelt sie jahrelang zwischen Hamburg, Berlin, Köln, L.A. und Sao Paolo und hinterlässt ihre ästhetische und literarische Spur. Die Kombination aus Ausstellung plus Buch wird ihr zum Markenzeichen. Als beinahe logischen Schritt, eröffnet sie zusammen mit Natalie Viaux die Gallery for Fashion Photography in Hamburg und bald darauf einen Ableger in Berlin. Beide sind erfolgreich, doch aus privaten Gründen heute geschlossen. Ihre Galeristin-Berufung führt Nadine Barth momentan in der Galerie CONTRIBUTED am Straussberger Platz fort. Dort läuft noch bis zu, 17.3.2012 die Geburtstagsausstellung zum Dreijährigen BEST OF FASHION PHOTOGRAPHY.  Nadine Barth zeigt hier ihre Lieblingsbilder von u.a. Ellen von Unwerth, Vincent Peters, Tony Duran und Mary McCartney. Wer sie dort besucht, merkt schnell, dass das mit den Lieblingsbildern kein PR-Wort ist. Aber ihr eigentliches Unternehmen oder vielleicht auch das Dach ihrer Aktivitäten um Kunst- und Modefotografie ist ihre Agentur „barthouse“. Unter diesem Namen organisiert sie Ausstellungen und Kulturprojekte, betreut sie Marken, Sammler und Ausstellungshäuser und publiziert in den Bereichen Fotografie und Mode.

Thomas Hoeffgen: Lagos, Nigeria, 1999 (oberes Bild) Martin Roemers: East Germany Altenburg (ohne Datum)Thomas Hoeffgen: Lagos, Nigeria, 1999 (oben); Martin Roemers: East Germany Altenburg (ohne Datum)

Nadine Barth liebt: Fotografie.

Je länger wir uns an diesem Vormittag in Schöneberg unterhalten, desto klarer wird mir, dass das Wort Beruf in Nadine Barths Fall mit einem fett geschriebenen „Berufungen“ zu ersetzen ist. Warum? Deswegen. Nadine Barth liebt. Und zwar analoge Kunstfotografie mit einem Schwerpunkt auf Mode und Frauen. Insbesondere aber auch unter anderem das Werk von Philip-Lorca di Corcia. Es ist das Reale, manchmal Unscharfe und die Zwischentöne der analogen Fotografie, was Nadine Barth anzieht. Vielleicht sammelt sie deshalb auch Vinyl Platten und legt gelegentlich in den einschlägigen Bars der Berliner Kunst- und Kreativszene auf.

Ich liebe an der Fotografie, das diese heraus greift, was bleiben soll. Fotografie erschafft für mich eine kleine Ewigkeit. Sagt sie und lächelt.

Und sie fügt hinzu, dass es ihr im Herzen weh tut, dass mittlerweile nur noch zwei Fotolabore in Berlin großformatige analoge Fotografie entwickeln. Nadine BarthGuillermo Munoz Vera: 1997 Guillermo Munoz Vera: 1997

Nadine Barth: Kunstmarkt, Amazonen und Sex

Was Nadine Barth sucht, ist die Brücke zwischen größtmöglicher persönlicher und kreativer Freiheit und dem Joch des Geldverdienens. Die Lösung findet sie in Projekten.

Ich mag Projekte

und zwar die großen, lukrativen als auch jene, die mich inhaltlich faszinieren, aber kein Geld bringen. Oft frage ich gar nicht, wie viel Geld ein Projekt bringt, im Gegenteil manchmal stecke ich mein eigens Geld hinein. So wie in das AMAZONEN Projekt zum Beispiel, das sie zusammen mit Beate Wedekind und Uta Melle macht. Sie hat zunächst gezögert, als Beate Wedekind sie fragte, ob sie als Kuratorin und Herausgeberin fungieren würde für einen Bildband und eine Ausstellung mit Aktfotografien von lebenshungrigen, starken und schönen Frauen, die ein schweres Schicksal teilen – Brustkrebs. Doch dann sah sie die Fotografien und wusste: sie will. Die Amazonen Fotos sind wild, direkt und bohemian. So wie Nadine Barth Frauen sieht. Und selber eine ist.

Loft Nadine Barth

Und wie schafft sie die lukrativen Projekte heran? Nadine Barth zählt zu denjenigen, die keine Scheu davor haben, Kunst, Party und Kommerz zusammen zu bringen. Aus den Openings der Galerie für Fashion Photography, macht sie zum Beispiel Motto Happenings, zu denen die Gäste verkleidet kommen und begeistert die extra produzierten Accessoires zur Ausstellung erstehen. Und sie weiß genau was und wie sich Fotografie verkauft und auch wenn es auf den ersten Blick profan klingen mag:

Es ist die zeitlose Kombination aus Prominenz plus Sex.

Allerdings sieht Sex bei Nadine Barth aus wie Sinnlichkeit, Aura und eine Portion Glamour. Nadine Barth: Loft und Sammlung

Nadine Barth: Traumfrauen und Traummänner

Für ihre Ausstellung TRAUMFRAUEN in den Hamburger Deichtorhallen bittet sie die internationale Elite der Modefotografen, ihr Fotografien von ihren persönlichern Traumfrauen und Musen zu schicken. Was sie wissen will ist, wie es um „die Wahrheit von Schönheit und wie sie sich zu erkennen gibt“ bestellt war. Überrascht stellt sie fest, dass viele der Fotografen, die schon so unglaublich schöne Frauen gesehen haben müssen, keine Top Models, sondern Fotografien von ganz „normalen“ Frauen einreichen. Na ja, mit Ausnahme von dem mit Angelina Jolie vielleicht, die das Cover vom dazugehörigen Buch ziert. TRAUMFRAUEN bringt es in nur fünf Wochen auf rund 23.000 Besucher. Das männliche Pendant der Ausstellung mit dem Titel TRAUMMÄNNER auf nur unwesentlich weniger. Nadine Barth

Die Fotografie Sammlung von Nadine Barth

In Berlin hat sie sich nun also eine Homebase geschaffen und damit endlich ein Zuhause für ihre Fotografie Sammlung, auch wenn sie diese nicht so nennen mag. Nadine Barth nimmt einer der drei Fotografien von Ali Kepenek vom Nagel. Sie trägt seine Signatur.

Ich kenne Ali Kepenek gut, aber sammeln musste ich seine Fotografie eigentlich nie. Die hier aber musste ich haben.

Die Kate Moss im roten Samtkleid von Mary McCartney hingegen hat sie sich ganz bewusst gekauft. Als Anlage und direkt aus England. Es gibt sie in drei Größen in fünf bis zehn Auflagen. In kurzer Zeit waren sie alle weg und sind jetzt schon drei Mal so viel wert. Ali KepenekAli Kepenek

Mittendrin in all der Fotografie hängt plötzlich ein Norbert Bisky:

Wie gesagt, der hat sich verirrt. Aber in gewisser Weise spiegelt er die anderen Bilder, verweist sie auf ihre Position. Vielleicht braucht man so ein Werk, damit die anderen klarer werden…

erklärt sie mir nach minutenlangem Nachbohren. Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Norbert Bisky Bild ein Geschenk ist. Vom Künstler selbst.

Aniu: Times of Fantasy, 2001

Aniu: Times of Fantasy, 2001

Nadine Barth: MEGAPOLIS TOUR

Wir tappen inzwischen im halbdunklen Keller von Nadine Barth umher, den sie sich mit einer Requisiten Agentur teilt. Um an die Kisten mit den Bildbänden aus ihren Fotografie-Projekten zu gelangen, müssen wir uns an Regalen voll mit Antiquitäten, Perücken, 70er Jahre Accessoires und Schaufensterpuppen vorbei schlängeln. Ein skurriler Anblick. Aber Nadine Barth klettert unbekümmert über sieben Pappkisten, um an die Publikation zu ihrem aktuellen Herzensprojekt zu gelangen: Die MEGAPOLIS TOUR. MEGAPOLIS ist eines ihrer selbst finanzierten Kunstprojekte, für das sie im Moment Sponsoren sucht. Nadine Barth lässt Fotografen Megacities wie Bombay, Lagos oder NYC nach der Dynamik der Jugend absuchen, jene Generation, welche die Stadt in 20 Jahren prägen wird, eine Generation, die heute ihre Zukunft ist. 14 Städte hat sie sich vorgenommen, drei davon gibt es bereits als Büchlein, elf davon muss sie noch schaffen.

Nadine Barth: Was kommt?

Mode und Macht ist so ein Thema, das Nadine Barth unbedingt noch in 2012 umsetzen will. Eine Serie mit internationalen Politikerinnen soll es werden. Kitsch in der Fotografie will sie auch machen. Mal sehen mit wem, es laufen wohl schon Gespräche mit Museen in Berlin und Hamburg. Das nächste Mal interviewe ich dich, sagt sie, als sie uns mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet. Die Journalistin in ihr, das Neugierige, es schläft nie. Nadine Barth

Text: Eva Kaczor // Fotos: Tatjana Bilger // Mehr zu Sammlungen und Sammlern in Berlin