ALICE MUSIOL – Kunst muss nicht für die Ewigkeit gemacht sein

Künstlerinterview // Berlin Art Week 2015 

ALICE MUSIOL – Kunst muss nicht für die Ewigkeit gemacht sein

Alice Musiol zeigt uns zur BERLIN ART WEEK 2015 bei 401contemporary wie sie mit Stoff, Streichholzschachteln und Gymnastikreifen Bildhauerei neu definiert.

Alice Musiol zeichnet sich jeden Morgen selbst.

In der lichtdurchfluteten Berliner Galerie 401contemporary hängt ihr „Batman“ gleich rechts im Eingangsbereich. Die Zeichnung mit Tusche und Wasserfarbe blickt uns entschlossen und gleichzeitig zart entgegen. Ganz klar ein Selbstportrait von Alice Musiol (*1971), die im Raum nebenan Nägel in die Wand schlägt um die letzten Handgriffe für ihre Ausstellung „Ugly but Perfect“ zu erledigen. Die in Köln lebende Künstlerin strahlt etwas Resolutes und doch Sensibles aus. Das Resolute lebt sie in der Tatsache, dass ihr gesamtes Werk, das aus Zeichnungen, Objekten, Installationen und Videoarbeiten besteht, immer und vollständig aus ihren eigenen Händen fließt. Sie stellt her, transportiert und baut auf. Und zwar bis der letzte Nagel in der Wand sitzt. Ihre Körperkraft und Ressourcen bilden das Limit. Das Zarte äußert sich in der Wahl ihrer Materialien. Alice Musiol arbeitet nur mit Werkstoffen, die entweder schon vorhanden oder ihr leicht zugänglich sind.

Alice Musiol im ARTberlin Interview

Bildhauerei bedeutet üblicherweise, dass man den Kampf mit dem Gewicht aufnimmt. Der Stereotyp eines Bildhauers ist ein starker Mann der Stein, Holz oder Metall bearbeitet. Ich hingegen suche nach Material, das möglichst wenig wiegt. Werkstoffe, die ich selber tragen kann.

Hinter uns hängt ein Mandala aus Streichhölzern. Daneben finden sich zwei Wandarbeiten aus den korrespondierenden Streichholzpackungen (Trial and Error, 2015) und -Böden (System, 2015.) „Ring of Fire“ (2015) ist der Titel zu der Mandala-Arbeit und erinnert in seiner beeindruckenden Kleinteiligkeit an ihre Installationsreihe „Garten“ – unzählige Salzstangen, die senkrecht in Styropor gesteckt einen Rasenteppich ergeben.

Ich verbringe mit vielen meinen Arbeiten eine sehr lange Zeit. Das ist meine Form der Meditation, die einen echt harten körperlichen Prozess mit einschließt. Wenn ich diesen überwunden habe, dann kommt dieser Zustand, in dem alles leicht wird.

Alice Musiol: Trial and Error, 2015 und Körper, 2015.Alice Musiol vor ihrer Arbeit Trial and Error, 2015

Alice Musiols „Ugly but Perfect“

„Ugly but Perfect“  ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin sowohl in der Galerie 401contemporary als auch in Berlin. Aufgefallen ist uns ihr Werk allerdings schon vor einem Jahr, als Galerist Ralf Hänsel sie mit ihrer Knäckebrot- und Konfettiarbeit „Happy Birthday“ in der Gruppenausstellung „Talent“ vorstellte. Eine Installation, die gerade mal die Laufzeit einer Ausstellung überlebt. Klassisch verkäuflich auf dem Kunstmarkt ist das nicht.

Klar, damit gebe ich mir erst mal die Kugel. Aber mir ist es ein Anliegen Kunst von der Idee loszulösen, dass ein Künstler stets ein Macher zu sein hat bzw. eine Rolle als Werklieferant für den Kunstmarkt einzunehmen hat.

Die Ausstellung in Berlin ist wichtig für Alice Musiol:

Sie ist eine weitere Bestätigung für meinen Entschluss als zehnjähriges Mädchen, Künstlerin zu werden und für meinen Willen, der mich dabei jeden Tag begleitet,

erzählt sie.

Alice Musiol: Untitled 2015Alice Musiol im ARTberlin InterviewAlice Musiol: Untitled, Installation 2015

Entscheidend für den frühen Beginn ihres künstlerischen Weges war die Umsiedelung ihrer Familie von Polen nach Deutschland. Die Initialphase für ihr Leben als Künstlerin. Seitdem mangelt es ihr nicht an hochkarätigen Ausstellungsgelegenheiten. Am 19. September 2015 wird der großzügige Erweiterungsbau des SPRENGEL MUSEUM HANNOVER eröffnen. Das Haus hat zwölf Künstler eingeladen, die neuen Räume zu füllen, deren Raumvolumen, Material, Licht und Wahrnehmung erfahrbar zu machen. Alice Musiol ist eine davon.

ALICE MUSIOL: Cella, Sprengel Museum Hannover, Foto: Heinrich Hecht

ALICE MUSIOL: Cella, Sprengel Museum Hannover, Foto: Heinrich Hecht

Sie zeigt uns ein Foto von der dort bereits installierten Arbeit. „Cella“ ist beeindruckend. Schwarzer Samt fließt hohe Säulen herunter und verteilt sich wie ein Wasserfall auf dem Boden der Ausstellungshalle. Es ist das erste Mal, dass die Künstlerin mit einem Team zusammengearbeitet hat. Und, wie war das?

Schön! Strahlt sie.

Letzte Frage: Warum um alles in der Welt hat sie sich den Titel „Ugly but Perfect“ ausgesucht?

Nun, ich beobachte immer wieder, dass meine Arbeiten nicht sofort zugänglich sind. Man geht erst einmal vorbei.

Sie zeigt auf eine Zeichnung an der Wand, die einen Kopf ohne richtiges Gesicht zeigt (Untitled, 2013).

Das Gesicht hier ist erst einmal „ugly“: Aber wenn man entdeckt, dass es das Innere des Kopfes zeigt, also das, was unter der Haut ist, dann wird es schön. Wenn die Fassade fällt, dann ist es für mich perfekt.

Ausstellung: UGLY BUT PERFECT

Laufzeit: 12.09. – 7.11.2015
Galerie 401contemporary // Potsdamer Str. 81 // 10785 Berlin

Mehr zu Galerist und Galerie findet ihr in unserem ARTberlin Galerieprofil 401contemporary

Interview: Eva Kaczor // Fotis für ARTberlin: Yana Wernicke